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DIE SYNTHESE ZWISCHEN "MENDELISMUS" UND DARWINISMUS

Nach Lewontin (1974, p.159) ist die heutige 'Evolutionsgenetik' (evolutionary genetics) "a fusion of Mendelism and Darwinism". Lüers, Sperling und Wolf setzen den Durchbruch der Synthetischen Theorie mit dem Jahre 1943 an (1974, p. 190):

"Mit dem zweiten Jahrhundert evolutiver Forschung nach DARWIN hat ein zweiter Abschnitt der Konsolidierung, nun im Bereich der Kausalanalyse, begonnen. Dank J. S. HUXLEY, dessen grundlegendes Werk schon 1943 diese Periode einleitete, ist eine moderne Synthese und damit die moderne Synthetische Theorie der Evolution als eine neue Grundlage dieser Wissenschaft gefunden worden. Das darf so allgemeingültig gesagt werden. Vorüber ist es mit den Kämpfen zwischen Darwinisten und Mendelisten, zwischen Selektionisten und Mutationisten, zwischen Systematikern, Paläontologen, Feldzoologen und Populationsgenetikern. Es schien ein Kampf aller gegen alle um das wahre Agens der Evolution. Dazu hatten sich als aufmerksame Dritte Typologen und idealistische Philosophen berufen gefühlt, den gescheiterten größeren und kleineren Theorien und Hypothesen ihre eigenen Auffassungen entgegenzustellen. Unschwer könnten Werke zitiert werden, in denen tabula rasa gemacht und gleich auch die Theorie der Deszendenz, die biologische Grundkonzeption des XIX. Jahrhunderts, in ihrem vollen Umfang zum Untergang verurteilt wurde. So war die Lage bis hin zur Mitte unseres XX. Jahrhunderts."

Gemäß Stebbins (1977, p.17) ist die Geburt der Synthetischen Theorie etwas früher anzusetzen:

"The modern synthetic theory as a generally accepted way of approaching problems of Evolution was born in 1937 with the publication of Dobzhansky's GENETICS AND THE ORIGIN OF SPECIES."

(Vgl. auch E. Mayr und W. B. Provine 1980; D. B.Wake 1981 und praktisch alle neueren Wissenschaftshistoriker). Senglaub (1982, pp.570/572) ist zwar der Auffassung, daß sich ein "kennzeichnendes Datum für den Beginn der "synthetischen Theorie" der Evolution schwer angeben" läßt, ist aber mit den obigen Autoren der Meinung, daß das Buch von Dobzhansky 1937 den 'entscheidenden Schritt' markiert. Powell bemerkt (1987, p. 363): "Many, myself included, would argue that it is the most important and influential book on evolution of the twentieth century." Der Begriff "modern synthesis" stammt von Huxley 1942.

H. Conrad-Martius, eine genaue Beobachterin dieses Wechsels Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts, kommentiert in der 2. Auflage ihren Buches DIE ABSTAMMUNGSLEHRE (1. Auflage 1938; 1949, p. 11) die Situation wie folgt:

"Daß ich es nicht nur für möglich, sondern für wichtig halte, dieses Buch elf Jahre nach seinem ersten Erscheinen im wesentlichen unverändert, jedoch um neue Anmerkungen und einen Zusatz erweitert wieder hinausgehen zu lassen, liegt an einer sehr merkwürdigen geistesgeschichtlichen Situation. Als ich es schrieb, schien der Darwinismus überwunden. Überall konnte man lesen und hören, daß sich selbstverständlich die Abstammungslehre nach wie vor einer schlechthin allgemeinen wissenschaftlichen Zustimmung erfreue, daß jedoch das spezielle kausale Fundament, das ihr Darwin gegeben hatte, aufgegeben werden müsse oder aufgegeben sei. Welche unerwarteten paläontologischen und morphologischen Tatsachenkomplexe es waren, die die Forscher zur Absage an den Darwinismus brachten, wird in diesem Buch dargestellt, desgleichen, mit welchen nichtdarwinistischen Theorien sie den neu entdeckten, erstaunlichen Phänomenen zu begegnen versuchten - Theorien, die sich zum Teil im alten Fahrwasser mechanistischer Wissenschaftlichkeit bewegten, zum Teil kühne vitalistische oder gar metaphysische Vorstöße waren. Aber nun ist das Erstaunliche geschehen: der Darwinismus ist nicht nur aufs neue erstarkt, sondern er ist zu einer festen wissenschaftlichen Phalanx geworden, daß schon einiger Mut dazu gehört, sich ihm entgegenzustellen. Und zwar ist er im besonderen erstarkt a n dem Kampf gegen die Einbrüche in den sonst so wohl behüteten klassisch-traditionellen Wissenschaftsbereich."

Die Rettung vor vitalistischen oder gar metaphysischen Vorstößen in der Frage nach dem Ursprung der Lebensformen war mit ein entscheidender Grund für die "Synthese" der Darwinschen Selektionstheorie mit den Mendelschen Regeln (und der daraus resultierenden Populationsgenetik), in Verbindung mit einer differenzierteren Mutationsauffassung ('Mikro- und Makromutationen')! Hier vor allem liegt der "Triumph der Selektionstheorie". Mit Dobzhansky's Arbeit wurde vielen Darwinisten bewußt, daß sich Mendelsche Regeln und 'kontinuierliche Variation' nicht grundsätzlich ausschließen, womit sich ein Ausweg aus dem nach Conrad-Martius u. a. zitierten Dilemma andeutete. - Heute hingegen setzt man alles daran, die Tatsache zu verschleiern, daß dieser Synthese-Versuch ebenfalls eine Sackgasse war und verkündet weiterhin die absolute Richtigkeit der Synthetischen Evolutionstheorie (vgl. z. B. Dawkins 1976, 1986, 1995, Dennet 1995 und dagegen Lönnig 1989, 1993, Berlinski 1996, Kunze et al. 1997). Die Möglichkeit, auch 'kontinuierliche Variation' mit den Mendelschen Befunden zu erklären, war übrigens schon von Yule 1902 ausführlich erörtert worden (vgl. auch Provine 1971, pp. 81-85) und - last not least - von Mendel selbst (vgl. Mendel 1866, pp. 33-36: Diskussion der Spaltungsverhätnisse der Blütenfarben bei Bohnen).

Trotz vielfältiger Ansätze bedurfte es von der 'Wiederentdeckung' der Mendelschen Regeln bis zur vollen Synthese zwischen "Mendelismus" und Darwinismus (in welche auch die Zytogenetik und später Ergebisse aus weiteren biologischen Disziplinen eingegangen sind) noch rund 40 Jahre, und von Mendels Vorträgen (1865) bis zur allgemeinen Anerkennung (1937/1942, 1943) bedurfte es wenigstens 72 Jahre. Der Darwinismus, dessen Vertreter durch die schwierige wissenschaftstheoretische Situation einerseits und die Tatsachen aus der Vererbungsforschung andererseits schließlich zu einer Synthese, fast möchte ich sagen, gezwungen wurden, ist für diese Verzögerung wesentlich mitverantwortlich.


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